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Rückblick und Ausblick – Lehren aus einem Jahr Pandemie und Praxis

GOÄcetera - der PVS Podcast | Folge 5

GOÄcetera - Folge 5

Das „neue Normal“ ist noch immer keine wirkliche Normalität. Doch was bedeutet das für die Praxis? Welche Lehren können bis hierher gezogen werden und worauf gilt es in Zukunft zu achten?

Über ein Jahr Pandemie spricht der Vorsitzende des Vorstands des PVS Verbands und Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie Dr. med. Christof Mittmann mit PD Dr. med. Marcus Maier, ebenfalls Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie, in der neuen Folge unseres Podcasts GOÄcetera.

Die fünfte Folge von GOÄcetera zum nachlesen:

  • Dr. med. Christof Mittmann: Herzlich willkommen zu GOÄcetera, dem Podcast der PVS. Hier
    bekommen Themen Raum, die Sie im Praxisalltag beschäftigen. Erfahrungen, die wir gemacht haben, wollen wir an Sie weitergeben. Ein Thema, das nichts an seiner Aktualität einbüßt, ist die Corona-Pandemie – um die soll es heute im Wesentlichen gehen. Mein heutiger Gesprächspartner ist Privatdozent Dr. Meyer. Herr Meyer, wollen Sie sich vielleicht einmal kurz vorstellen?
  • PD Dr. med. Marcus Maier: Ja, gerne. Mein Name ist Markus Maier. Ich habe eine nicht ganz kleine Praxis für Orthopädie und Unfallchirurgie im Saarland nahe der französischen Grenze. Ich habe einen angestellten Arzt, eine Assistenzärztin und doch auch entsprechendes Praxispersonal. In dem Bereich „Ambulantes Operieren“ bin ich auch relativ breit aufgestellt, so dass ich denke, dass uns die Corona-Pandemie auch an allen Ecken und Enden getroffen hat.
  • Dr. med. Christof Mittmann: Vielen Dank. Vielleicht sage ich auch noch kurz etwas zu meiner Person: Auch ich bin niedergelassener Orthopäde und Unfallchirurg, ebenfalls mit einer operativen Tätigkeit im Krankenhaus. Ich decke die gesamte Orthopädie im Grunde ab – von der Säuglingssonographie bis hin zum operativen Eingriff. Da aber eben nur das, was ambulant möglich ist. Ein Hauptschwerpunkt meiner Tätigkeit ist die berufsverbandspolitische Arbeit. Ich habe eine Facharzt-Initiative gegründet, die im Grunde genommen die Berufsverbände vor Ort einbezieht. Wir sind in Zusammenarbeit mit dem Hausärzteverband, einem Netz hier, zusammengeschlossen zum Medis und auf der anderen Seite bin ich in Berlin als Verbandsvorsitzende des PVS Verbandes, um die PVS in Berlin mit dem Geschäftsführer Herrn Tilgner politisch zu vertreten und das, was die PVS ausmacht – „Von Ärzten. Für Ärzte.“ – eben auch dort zu unterstützen.
    Wir haben ein Jahr Pandemie. Wie war das bei Ihnen in der Praxis, Herr Maier?
  • PD Dr. med. Marcus Maier: Also ich denke, ziemlich genau vor einem Jahr, war das erstmal wirklich eine Katastrophe. Das Wort Pandemie kannte ich eigentlich nur aus Büchern. Ich habe dann vor einem Jahr festgestellt, was das unter Umständen bedeutet. Es war so, dass von heute auf morgen eigentlich weniger Patienten gekommen sind. Diesen ersten Einschnitt oder diesen ersten Lockdown habe ich eigentlich als den größten Einschnitt erlebt. Ich habe erst einmal geguckt, dass wir in der Praxis Strukturen haben, die einigermaßen sicher sind: Wir haben Schilder aufgestellt, wir Stühle reduziert im Wartezimmer. Wir haben eigentlich viele Dinge gemacht, um es bei uns sicherer zu machen. Der nächste Schritt war eigentlich, dass ich mir große betriebswirtschaftliche Sorgen um die Praxis gemacht. Ich habe eigentlich das Schlimmste befürchtet, Kurzarbeit beantragt und habe mit Unterstützung der PVS geguckt, welche Hilfen in Frage kommen. Es hat sich dann so über sechs bis acht Wochen gezogen – bis es dann sukzessive besser und einfacher wurde und die Hilfen, wenn man das so sagen darf, auch irgendwie greifbar wurden.
  • Dr. med. Christof Mittmann: Das ging uns, glaube ich, allen so, dass wir zum Teil auch recht
    verunsichert gewesen sind: Was kommt da auf uns zu? Wie müssen wir reagieren und vor allem wie reagieren unsere Patienten? Ein wichtiges und wirkungsvolles Instrument für die Ärztinnen und Ärzte ist in der Zeit unter anderem ja die Erstattung der enormen Hygienemaßnahmen, die wir in der Praxis durchführen mussten. Da ist natürlich die Ansetzung dieser Analog Ziffer 245a eingeführt worden, in Absprache mit dem PKV Verband und der Ärztekammer. Nach wie vor ist es so – das kriegen wir in der PVS auch mit – rechnet sie nicht jeder ab? Können Sie sich vorstellen, warum?
  • PD Dr. med. Marcus Maier: Ja, ich denke, es ist einfach eine gewisse Nachlässigkeit. Ich glaube, es geht wahrscheinlich vielen Ärzten so, dass sie mit ihren Ziffern wahrscheinlich deutlich schlechter sind als mit ihrer Behandlung. Deshalb ist es, glaube ich, auch ganz hilfreich, wenn man diesbezüglich Unterstützung hat. Also bei uns ist es so: Meine Helferinnen in der Praxis sind da schon sehr, sehr gewissenhaft, Ziffern grundsätzlich, aber eben auch neuere Ziffern wie die Hygiene-Pauschale eben auch zu berücksichtigen. Dadurch, dass es auch noch einmal von der PVS gegenkontrolliert wird, gehen uns Ziffern eigentlich selten oder kaum noch verloren. Dazu ist es halt auch wichtig – das hat sich ja die ganze Pandemie auch immer wieder gezeigt–, dass gewisse Dinge noch einmal aktualisiert wurden oder nochmal weiter verlängert wurden. Es war ja auch am Anfang nicht klar, wie lange die Hygiene-Ziffer oder gewisse Dinge gehen, wie lang gehen. Die sind ja doch immer wieder verlängert worden. Wichtig ist, dass man das auch weiß.
  • Dr. med. Christof Mittmann: Na gut, das war natürlich auch ein Bestreben von uns, das immer wieder zu publizieren und auch schnell an die Ärzte weiterzugeben. Von meiner PVS vor Ort – der PVS Westfalen Nord – ist es auch häufig so gemacht worden, dass wir die Ziffern im Nachhinein dann eben auch vervollständigt haben. Gerade diese Hygiene-Ziffer, die ja erst zum 2,3-fachen Satz abgerechnet werden konnte, jetzt eben nur noch zum einfachen Satz und auch die Fortführung jetzt über den 31. März – auch da achtet man drauf. Es ist natürlich die einzige Möglichkeit, wie wir doch diesen verdeutlichen Mehraufwand, den wir ja mit den Hygienemaßnahmen haben, eben auch wiederbekommen – von kassenärztlicher Seite wird das schwierig. Die Hygiene-Pauschale kriegen wir sofort gezahlt, Übergangsgeld kommt immer ein bisschen zögerlicher.
  • PD Dr. med. Marcus Maier: Das ist in der Tat richtig. Was mich mal interessieren würde: Ein Teil der relativ großen Maßnahme war ja dieser Rettungsschirm, der nach meinem Wissen ja eigentlich über die KVen kommuniziert wurde. Inwiefern haben Sie da selber auch Einfluss nehmen können?
  • Dr. med. Christof Mittmann: Bei dem Rettungsschirm, das muss man ganz ehrlich sagen, sind wir eigentlich kaum beteiligt. Das ist eigentlich eher etwas, das von Seite der KV und der Ärztekammer vereinbart worden ist. Wir werden gefragt und sind gefragt worden bei der Ziffer 245a. Aber bei dem Corona-Schutzschirm, wie man so schön sagt, ist die Einwirkbarkeit der PVS und des PVS Verbandes gering.
  • PD Dr. med. Marcus Maier: Es ist wahrscheinlich auch wichtig für unsere Hörer, dass sie nicht nur unsere Erfahrungen hören, sondern auch, wir vielleicht jetzt aus der Pandemie gelernt haben. Also in meiner Wahrnehmung war der Anfang schon wirklich relativ hart. Ich muss auch sagen, wenn ich das letzte Jahr Revue passieren lasse, dann war im zweiten Quartal doch sehr gut zu spüren, was da in so einer Pandemie im negativen Sinne passiert. Im dritten Quartal hat es sich dann eigentlich relativ zügig wieder erholt. Ich muss trotzdem sagen, wenn man unser Fach, die Orthopädie nimmt, war schon fast das Gegenteil der Fall: Für die Volksgesundheit ist so ein Lockdown definitiv nichts Gutes. Die, die kein Fitnessstudio haben, brauchen viel Phantasie, dass sie sich die guten Dinge des Lebens im Lockdown selbst zurecht bauen. In der Praxis habe ich beobachtet, dass es eben nicht nur für uns Ärzte nicht immer einfach war – die Patienten haben genauso mitgelitten.
  • Dr. med. Christof Mittmann: Vollkommen richtig. Also Homeoffice hat ja durchaus Folgen – das ist ja das, was Sie gerade auch ansprechen. Die Patienten, die wir behandeln, haben sich in der Art und Weise ja schon etwas geändert. Wir hatten früher viele Sportler, jetzt haben wir viel, viel mehr Patienten, die unter dem Lockdown oder dem Homeoffice leiden, weil sie gar keine entsprechende Ausstattung zuhause haben. Das hat eben auch für uns Orthopäden enorme Auswirkungen. Die ganzen degenerativen Veränderungen kommen ja immer mehr zum Tragen, beispielsweise Beschwerden in der Hals- oder Lendenwirbelsäule. Das ist schon sehr weitreichend.
  • PD Dr. med. Marcus Maier: Absolut. Absolut richtig. Und wie gesagt, es können nicht alle mit dieser Lockdown-Situation umgehen. Beispielsweise, dass sie die guten Vorsätze beibehalten und die Dinge, die sie halt davor gemacht haben, im positiven Sinne fortführen. Der Winter ist ja ohnehin immer ein bisschen schwieriger, was die Gesundheit angeht.
  • Dr. med. Christof Mittmann: Absolut. Im Frühjahr letzten Jahres war es nicht so schwierig: Wir hatten schönes Wetter und alle konnten sich draußen treffen. Das war viel, viel besser. Was jetzt noch von Regierungsseite erschwerend hinzukommt, ist, dass man uns, was die Administration angeht, noch sehr stark in die Praxis reingespielt wird – mit der Datenschutzgrundverordnung und so weiter. Die Regulatorik der Regierung nimmt enorm zu und geht immer weiter in den Praxisalltag hinein. Da sind wir auch dabei, dass ein bisschen positiv zu beeinflussen, so dass es vielleicht doch nicht so kommt. Denn das ist schon wirklich, finde ich persönlich, sehr einschneidend.
  • PD Dr. med. Marcus Maier: Ja, es ist wirklich schwierig, sich hauptsächlich dem Kerngeschäft zu widmen. Ich meine, die meisten haben eigentlich die Ausbildung gemacht, weil sie eigentlich gerne am Patienten arbeiten und bei Krankheitsbildern und Erkrankungen auf dem neuesten Stand sein wollten. Wir haben aber immer weniger Zeit, um und mit dem Kerngeschäft zu beschäftigen. Die Gesetze, die dann kommen, machen es uns eben noch schwieriger, weil sie neu definiert werden – was teilweise große Kosten aufwirft, wenn man neue Vorschriften bei der Hygiene oder dem Datenschutz bekommt. Deshalb bin ich mittlerweile soweit, dass wir jede Neuerung mit Dienstleistern regeln, die wir schon haben. Ich bin zum Beispiel in der EDV nicht wirklich gut. Mir reicht es dann, wenn ich ein Venture habe, an das ich mich mit vielen Angelegenheiten wenden kann und nicht bei zehn Firmen für unterschiedliche Sachen anrufen muss. So entsteht kein uferloser Kommunikationsaufwand und auch finanzieller Aufwand. Die PVS ist da für mich ein ganz wichtiger Partner, weil man da doch einen großen Bereich sehr professionell abdeckt – was am Ende einfach auch viel Zeit spart.
  • Dr. med. Christof Mittmann: Ja, da sind wir im Grunde auch dabei. Herr Spahn und sein Team sind ja im Grunde hyperaktiv, was die Gesetzgebung angeht. Das, was vielleicht etwas zögerlicher gelaufen ist, gewinnt jetzt an Tempo und greift eben in alle Bereiche der Praxis ein. Wenn ich beispielsweise sehe, wie das jetzt mit dem Impfchaos geht – alles wird von oben herab auf die Kollegen heruntergebrochen. Da ist es eigentlich eher so, dass wir hoffen und auch versuchen, dass wir diese Allmachtsphantasien von Herrn Spahn ein bisschen auf den Boden der Tatsachen zurückbringen können. Wir haben Wahlen im Herbst: Wenn man sich die Programme der einzelnen Parteien anguckt, schwebt immer noch das Damoklesschwert der Bürgerversicherung über uns. Auch da sind wir im PVS Verband, in Berlin natürlich unterwegs, um Gehör zu finden, wie wichtig ein duales System in der Krankenversicherung ist. Also die Bürgerversicherung, die kann kein Mensch gebrauchen, glaube ich jedenfalls. Dafür werden wir uns auch einsetzen.
  • PD Dr. med. Marcus Maier: Ja, ich kann mir das auch nicht anders vorstellen als so, wie es im
    Moment ist. Ich will noch eines hinzufügen: Ich glaube, wenn man heutzutage eine Praxis hat, ist man immer dabei sich weiter zu spezialisieren – auch im niedergelassenen Bereich. Wenn man aber mehrere Dinge macht, hat man beispielsweise in der aktuellen Pandemie die Möglichkeit, wenn ein Fach nicht so gut geht, mit dem anderen weiterzumachen. Das ist gar nicht so irrelevant, weil das Polster in der Niederlassung gar nicht so dick ist.
  • Dr. med. Christof Mittmann: Richtig. Was wir uns erhalten müssen, ist eben die ärztliche Freiheit. Was fällt Ihnen zum Schluss ein? Was würden Sie den Zuhörern zusammenfassend mitteilen wollen?
  • PD Dr. med. Marcus Maier: Also ich glaube, wir haben alle unsere Erfahrungen in dem ersten Jahr der Pandemie gesammelt. Es war vor allem am Anfang sehr schwierig und auch jetzt scheinen ja nochmal schwierige Zeiten vor uns zu liegen. Ich denke, es ist relativ wichtig, dass man bei aller Spezialisierung in der Praxis, trotzdem eine relativ breite Basis hat, um mit unterschiedlichen Säulen durch schwierige Zeiten zu kommen. Außerdem ist es sehr wichtig, dass man sich als Arzt auch auf die eigentliche Arzt-Tätigkeit konzentrieren kann – also die medizinische Arbeit am Patienten – und am Ende nicht zu viel Zeit für Administration braucht. Da ist es sehr wichtig, dass man für diese Mehrarbeit, die eben nicht ärztlich ist, einfach richtige Partner hat, die einen in diesem Zusammenhang unterstützen. Es ist wichtig, dass man sich diese Dienstleistung sehr gut aussucht und diese dann auch zu Rate zieht, wenn man sie dann braucht – um Zeit zu sparen und effektiv zu bleiben.
  • Dr. med. Christof Mittmann: Das finde ich alles gut. Vielen Dank dafür. Vielen Dank für das
    Vertrauen. Unsere Tätigkeit bei der PVS sind ja im Grunde genommen eigentlich zwei. Wir versuchen den Arzt vor Ort nicht nur zu entlasten, sondern seine Arbeit auch zu vervollständigen. So bleibt möglichst viel Zeit am Patienten und die Zeit der Administration wird geringer. Und die andere Tätigkeit ist die, die uns im Grunde genommen auch von anderen Abrechnern unterscheidet: Wir sind eben auch für den Arzt in Berlin, versuchen bei den Politikern Gehör für die Sorgen und Nöte, die wir in den einzelnen Praxen haben und um für den freien Arztbesuch eben auch in Zukunft weiter da zu sein. Und natürlich zu kämpfen, dass es eben auch möglich bleibt, als niedergelassener Arzt allein in der Praxis oder in Form einer Gemeinschaftspraxis weiterhin eigenverantwortlich tätig zu sein. Das ist, glaube ich, ganz, ganz wichtig.
  • PD Dr. med. Marcus Maier: Absolut.
  • Dr. med. Christof Mittmann: Gut. Herr Maier, dann danke ich Ihnen für die Bereitschaft und den netten Abend. Es war schön von Ihnen zu erfahren, was Sie so machen. Wirklich sehr, sehr nett.
  • PD Dr. med. Marcus Maier: Dito. Alles Gute!
  • Dr. med. Christof Mittmann: Einen schönen Abend!
  • PD Dr. med. Marcus Maier: Gleichfalls.