Hohe Verluste zu befürchten

Die in der politischen Diskussion stehende »Bürgerversicherung« würde der ambulanten ärztlichen und fachärztlichen Versorgung wirtschaftlich und qualitativ die Grundlage entziehen“, so das Urteil von Dr. med. Hans-Joachim Kaiser, Facharzt für Allgemeinmedizin und erster Vorsitzender der PVS Niedersachsen. Vier zentrale Fragen an den Experten, der eine Broschüre zu dem brisanten Thema verfasst hat:Herr Dr. Kaiser, welche Auswirkungen hätte die Einführung einer„Bürgerversicherung“ für niedergelassene Ärzte?Es gäbe negative Auswirkungen auf die medizinisch-technische und personelle Ausstattung der Praxen sowie auf deren betriebswirtschaftliche Führung. Im ambulanten Sektor würden Mehrumsätze durch Privatpatienten in Höhe von rund 6 Mrd. € jährlich entfallen, pro Arzt knapp 50.000 €.Welche Fachrichtungen wären besonders betroffen und in welchem Umfang?Von den Gewinneinbußen im einheitlichen Rechtsrahmen wären die ärztlichen Fachgruppen unterschiedlich stark betroffen. Während die Allgemeinmediziner mit rund 22.000 € jährlichem Verlust pro Praxisinhaber zu rechnen hätten, müssten z.B. HNO-Ärzte auf rund 76.500 € jährlich verzichten. Damit könnte man in 3,1 Jahren die Praxisinvestitionen für eine HNO-Praxis decken. Die Radiologen lägen mit Verlusten von rund 270.000 € jährlich an der Spitze der Negativ-Bilanz und würden damit etwa 29 % ihres Gesamthonorars aus privat- und kassenärztlicher Tätigkeit verlieren.Was würde eine „Bürgerversicherung“ für die medizinische Versorgung in Deutschland bedeuten?Klar gesagt: die im internationalen Vergleich führende medizinische Infrastruktur in Deutschland geriete in Gefahr und für ambulant tätige Fachärzte wie für die Patienten stünde viel auf dem Spiel. In unserem Gesundheitssystem bestreiten rund 11 % Privatversicherte 24 % der ambulanten Jahresumsätze. Sie sind damit unverzichtbar für Erhalt und fortlaufende Modernisierung der medizinischen Infrastruktur. Ferner hätten die Einbußen personelle Konsequenzen: mindestens ein Viertel der Teil- und Vollzeitstellen müssten abgebaut werden, um die Umsatzeinbußen aufzufangen. In absoluten Zahlen entspräche das einem Verlust von etwa 34.000 Vollzeitstellen.Wie engagiert sich die PVS für den Erhalt des Status quo?Die PVS betrachtet die Entwicklung mit Sorge und schaltet sich als „Warner“ aktiv mit umfangreichen Informationen in die Diskussion ein. Wir weisen vehement darauf hin, dass dem Gesundheitssystem durch die Bürgerversicherung ca. 12-13 Mrd. € weniger von allen Beteiligten wie niedergelassenen Ärzten, Apothekern, Physiotherapeuten u.a. zufließen würden, was klare Leistungskürzungen nach sich ziehen müsste. Vom Status quo des Nebeneinanders aus gesetzlicher und privater Krankenversicherung profitieren die Patienten, da Konkurrenz den Markt zu ihrem Vorteil belebt. Eine zukunftsweisende Weiterentwicklung würden wir darin sehen, die Menschen selbst über ihren Versicherungsschutz entscheiden zu lassen, etwa indem man die Versicherungspflichtgrenze senkt, statt sie Jahr für Jahr weiter anzuheben.